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Ein kleines Licht im Dunklen
3.4.2025
Meiningser weihen nach Friedensgebet feste Gedenkstelle ein

Von Klaus Bunte
Meiningsen. Antonia Domke spricht in der St.-Matthias-Kirche das aus, was sicherlich viele, wenn nicht alle im Raum denken angesichts der eigenen Machtlosigkeit: „Wir können die Großen da oben nicht dazu bewegen, das sofort einzustellen.“ Dieses „das“, das ist vor allem der Angriffskrieg in der Ukraine, steht aber ebenso für jeden anderen Krieg in der Welt, der nur eben räumlich nicht so nah ist wie der im Osten Europas. „Aber wir können den Frieden in uns suchen. Und das machen wir jetzt.“
Gegen Putins Invasion hat Antonia Domke von „Kultur A–Z“, dem Soester Kultur- und Geschichtsverein der Deutschen aus Russland, sich schon zu Beginn, damals, vor drei Jahren, öffentlich ausgesprochen. Nun hat sie einen Gleichgesinnten nach Soest geholt, den Multiinstrumentalisten Andrei Surotdinov. Der Geiger, Bratschist und Organist, der sowohl in der Klassik wie im Rock beheimatet ist, hatte mit seiner Band „Aquarium“ den Krieg als „Wahnsinn“ bezeichnet und die russische Regierung scharf kritisiert.
Das führte dazu, dass Aquarium zur Persona non grata erklärt wurde. Russische Mediengruppen nahmen ihre Musik aus dem Programm und begründeten dies mit einer angeblich „arroganten und verächtlichen Haltung“ gegenüber russischen Zuhörern, sie wurde zur Zielscheibe staatlicher Repressionen, was letztlich dazu führte, dass die Musiker das Land verließen, um ihre künstlerische Freiheit zu bewahren.
Domke kennt Surotdinov noch persönlich „aus meinem früheren Leben. Als ich erfuhr, dass er zwischen den Konzerten der Band gerne in Kirchen auftritt, lud ich ihn nach Soest ein“. Die beiden großen Konfessionen haben sie dabei nach Kräften unterstützt. Surotdinov gab zuvor ein voll besetztes Konzert in der Gaststätte des Alten Schlachthofs und trat im Rahmen eines Gottesdienstes im Patroklidom auf. Nun ist er in Meiningsen, gestaltet musikalisch dieses ökumenische Friedensgebet an seiner Violine und an der fast 148 Jahre alten Ibach-Orgel der Kirche.
Pfarrer im Ruhestand Oscar Greven stellt Surotdinov in eine Reihe mit anderen Künstlern, die verfolgt wurden und emigrierten, weil sie die Mächtigen kritisierten, wie die Autoren-Brüder Thomas und Heinrich Mann in der Zeit des Dritten Reichs oder den 2008 verstorbenen Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn, der aus Russland ausgewiesen wurde. Ihn zitierte Greven: „Doch vergessen wir nicht, dass es Gewalt für sich alleine nicht gibt. Dass sie nicht imstande ist, alleine zu existieren. Sie ist in jedem Fall verflochten mit der Lüge. Zwischen ihnen beiden besteht eine enge verwandtschaftliche, ganz ihrer Natur gemäße, tief reichende Bindung. Die Gewalt kann sich nur mit der Lüge zudecken und die Lüge kann sich nur mit Gewalt erhalten. Jeder, der die Gewalt zu seiner Methode gemacht hat, muss zwangsläufig die Lüge zu seinem Prinzip erwählen.“ Dazu passte, was Domke wenige Minuten später sagte: „Das, was jetzt passiert, passierte schon einmal. Es sind seither nicht mal 100 Jahre vergangen.“
Pfarrer Volker Kluft macht keinen Hehl daraus, dass die Kirche schon oft die falsche Position vertrat: „Sie stand schon immer in der Gefahr, sich den Machthabern anzubieten. In Russland ist es im Moment leider auch so, dass die orthodoxe Kirche sich Wladimir Putin anbietet als Sprachrohr.“
Zum Abschluss weihten alle Beteiligten am Ehrenmal ein neues, fest installiertes Gedenklicht ein, das entzündet wurde mit dem Friedenslicht aus Bethlehem, welches Kluft aus St. Andreas in Ostönnen mitgebracht hatte. Auf Initiative von Ortsvorsteherin Anja Heymann wurde dort eine einfache Skulptur „Licht-Moment“ aus Grünsandstein geschaffen, vier in unterschiedlichen Winkeln zueinanderstehende Quader, die Erinnerung, Mahnung, Hoffnung und den Frieden verkörpern sollen.