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"Die gesamte Entwicklung bedrückt mich"

3.4.2025

Superintendent Dr. Manuel Schilling nimmt Stellung zu Kirchenaustritten

02-So-16kw Interview Schilling1 Dr. Manuel Schilling: „Ich habe die Hoffnung, dass Gott auch mit einer kleinen Kirche etwas anfangen kann.“ Fotos: Marcus Bottin
02-So-16kw Interview Schilling1 Dr. Manuel Schilling: „Ich habe die Hoffnung, dass Gott auch mit einer kleinen Kirche etwas anfangen kann.“ Fotos: Marcus Bottin

Soest-Arnsberg. Traditionell veröffentlichen die beiden christlichen Kirchen im Frühjahr Daten zur statistischen Entwicklung. Und beinahe schon traditionell ließ das aktuelle Zahlenwerk bei den Verantwortlichen keine Freude aufkommen, denn die Trends sind in nahezu allen Bereichen rückläufig. Für die UK hat Superintendent Dr. Manuel Schilling im Gespräch mit Hans-Albert Limbrock die Entwicklung bewertet.

 

Im Jahr 2024 verzeichnet der Kirchenkreis 4 Prozent weniger Kirchenmitglieder als noch im Jahr davor. Worin sehen Sie die Gründe?

Schilling: Der Evangelische Kirchenkreis Soest-Arnsberg unterliegt bei der Entwicklung der Kirchenmitgliedszahlen denselben Prozessen wie alle anderen Kirchenkreise in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Dass wir dieses Jahr deutlich über dem Schnitt liegen, hängt daran, dass die Kirchengemeinde Medebach mit der Kirchengemeinde Winterberg fusioniert und uns Richtung Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein verlassen hat. Ohne diese besondere Tatsache liegen wir sogar unter dem üblichen Schnitt. Das kann uns aber nicht trösten. Denn der allgemeine Trend wirkt auch bei uns.

 

Treffen Sie die Austritte auch persönlich?

Da ich erst seit 5 Jahren im Kirchenkreis lebe, habe ich mit den Menschen, die hier leben, keine lange Geschichte. In meinem Bekanntenkreis treffe ich naturgemäß viele Hochverbundene, die noch nicht ausgetreten sind und das auch nicht vorhaben. Die gesamte Entwicklung bedrückt mich allerdings. Es ist keinesfalls so, dass ich denke: Diejenigen, die gehen, waren sowieso nur Zähl- oder Zahlchristen. Nein, jede Person, die der Kirche den Rücken kehrt, ist für uns ein Verlust, ein Gesicht, eine Lebensgeschichte weniger.

 

Auch die Zahl der Taufen ist mit knapp 19 Prozent deutlich zurückgegangen. Ist das fast noch besorgniserregender als die Zahl der Austritte?

Absolut. Nur die gesellschaftlichen Gruppen und Verbände, die einen guten Draht zur jungen Generation haben, werden auf Dauer bestehen.

 

Unter anderem die Missbrauchsskandale werden als Gründe für die Rücktrittswelle angeführt. Aber das ist sicher nur die halbe Wahrheit.

Stimmt, das ist nur ein Teil der Wahrheit. Wobei ich allen zurufen möchte, die deswegen die Kirche verlassen: Wir arbeiten hart daran, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Wir bemühen uns unablässig, unsere Gemeindehäuser und Kirchen zu sicheren Räumen zu machen. Wir investieren viel Zeit, Geld und Personal in die Prävention vor sexualisierter Gewalt. Es ist uns ein Anliegen, dass sich Menschen bei uns wohl und geschützt fühlen. Das ist keine modische Spielerei, das ist ein Auftrag Jesu.

 

Aber Fakt ist doch auch, dass sich der Stellenwert von Kirche in der Gesellschaft drastisch gewandelt hat.

Das stimmt und das ist der andere Teil der Wahrheit. Als Kirche haben wir jahrtausendelang auf der Seite der herrschenden Mächte in Westeuropa gestanden. Das war nicht nur schlecht, im Gegenteil. Davon hat Westeuropa viel profitiert. Aber nun hat sich die moderne Gesellschaft von der Vorherrschaft der Kirche gelöst und wirft in rasanter Geschwindigkeit alte Fesseln der Tradition ab. Leider verkümmern damit auch in rasanter Weise viele Fähigkeiten der Menschen, sich zu binden, solidarisch zu sein, füreinander einzustehen.

 

Welche Aufgabe erwächst daraus für einen Christenmenschen?

Natürlich wünsche ich mir nicht das christliche Mittelalter zurück (wenn es denn überhaupt ein solches gab). Nein, wir Christen müssen in der Moderne unter den Bedingungen des weltanschaulichen Pluralismus und eines ungebremsten Individualismus, und vor allem gegen die katastrophalen Folgen eines enthemmten Neoliberalismus die Fahne des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe hochhalten, um einmal berühmte Worte des Apostel Paulus aufzugreifen.

 

Haben Sie Hoffnung, dass die Negativ-Entwicklung noch gestoppt werden kann, oder fürchten Sie, dass Kirche weiter an Bedeutung verliert?

Ich möchte zwischen Erwartung und Hoffnung unterscheiden. Die Erwartung, dass sich unmittelbar der äußere Megatrend umkehrt, habe ich kaum. Dafür sind die Zahlen zu eindeutig, die psychischen und gesellschaftlichen Mechanismen zu eingefahren, sind die negativen Stereotypen, mit denen von außen auf die Kirche geschaut wird, ist auch die Mutlosigkeit in den Reihen der Kirche selbst oft zu groß. Rein äußerlich, linear prognostiziert, wird die Kirche noch sehr viel kleiner werden.

 

Was gibt dann Anlass zur Hoffnung?

Ich habe die Hoffnung, dass Gott auch mit einer kleinen Kirche noch etwas anfangen kann. Beispiele für viele kleine Anzeichen neuen kirchlichen Lebens nehme ich überall in unserem Kirchenkreis wahr. Die Menschen, denen die Kirche wichtig ist, lassen sich nicht einfach so entmutigen. Sie entwickeln neue Formate von Gottesdiensten, von Gruppen, von Projekten. Letztlich nehme ich die Hoffnung aus der Geschichte der Auferstehung Jesu. Gott, der seinen getöteten Sohn nicht im Grab gelassen hat, der wird auch uns nicht im Stich lassen, die wir auf ihn vertrauen. Das werden wir in weniger als drei Wochen feiern.

 

Was muss sich ändern, damit Kirche und Glaube für die Menschen wieder wichtig wird?

Weg von der Komm- hin zur Geh-Struktur. Hin zu den Menschen, hinaus auf die Straße. Weg von der blitzsauberen Hauptamtlichkeit hin zur ehrenamtlichen Spontaneität. Weg von der Versorgungs- hin zur Beteiligungskirche. Weg von der Wagenburgmentalität hin zur Kooperation. Weg von der religiösen Schüchternheit hin zu einer Freude an der biblischen Botschaft und am gelebten Glauben.

 

Welche Auswirkungen hat die negative Entwicklung konkret auf die Arbeit des Kirchenkreises?

Der Kirchenkreis muss betriebswirtschaftlich besonnen schrumpfen, Kosten senken, Einnahmen erwirtschaften, die vorhandenen Ressourcen klüger einsetzen, Manches lassen, anderes verstärken. Das gilt auch für die Kirchengemeinden. Konkret gesprochen: wir wollen viele Gebäude abstoßen, die wir nicht mehr so benötigen wie vor fünfzig Jahren. Allerdings wollen wir auch bei der Arbeit mit der jungen Generation Impulse setzen mit der Sicherung und dem Ausbau von Stellen, zumindest für die nächsten sechs Jahre. Die flächendeckend überall präsente Kirche wird es nicht mehr geben. Aber hoffentlich viele lebendige Zentren, in denen Menschen ermutigt werden, als Angehörige einer Minderheit zu leben und sich für die Zukunft unserer Region einzusetzen.

 

 

Was können Sie als Superintendent persönlich tun, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzubekommen?

Bei mir selbst anfangen und zugleich auf die anderen achten. Bei mir selbst anfangen: still werden, in der Bibel lesen, immer und immer wieder, beten, auch allein, mehrmals täglich. Auf die anderen achten: Fragen, was er oder sie braucht, wo Kirche wirklich nützlich sein kann, wo ihr Wort oder ihre Tat etwas ändern kann, die Anderen mit einbeziehen in die Gestaltung einer lebenswerteren Welt. Freude haben an Gottes Liebe und diese mit anderen teilen.

Stichwort

Mit 90.229 Gemeindegliedern weist die Statistik der Landeskirche einen Tiefstwert für den Evangelischen Kirchenkreis Soest-Arnsberg aus. Das entsprich einem Minus von 4 Prozent, wodurch der Kirchenkreis das Schlusslicht in dieser Statistik der 26 Kirchenkreise ist. Allerdings schlägt hier der Wechsel der Kirchengemeinde Medebach in den Nachbarkreis Siegen-Wittgenstein zu Buche. Auch bei Taufen hat es mit 592 im Vergleich zu den 730 im Jahr davor einen deutlichen Rückgang gegeben. Und auch die Austritte bewegen sich auf Rekordniveau: 1521 waren es 2024. Im Vergleich zu 1350 im Jahr zuvor ist das eine Steigerung von 12,7 Prozent.

 

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